Gespräche aus OZ #1

offene Zukünfte JonasJonas

„Bei den alten Griechen entstand die Philosphie des Stoizismus. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Ansatzes ist die Dichotomie der Kontrolle, nachdem Mensch sich auf das konzentrieren sollte, auf das sie Einfluss hat. So entsteht Selbstwirksamkeit und steigender Einfluss in den jeweiligen Bereichen. Allerdings hadere ich sowohl ein bisschen mit dem Begriff “Kontrolle” als auch mit der klaren Dichotomie – man wird ja nie komplett das unkontrollierbare ausblenden können. Wie steht ihr zu der Denkweise – gerade im Sinne von #coronafutures?“

offene Zukünfte KatjaKatja

„Ich tue mich auch schwer mit dem Begriff der Kontrolle. Könnte mir aber im Kontext einer Theoriebildung (und damit Modellbildung und nötiger Vereinfachung) vorstellen, dass sowohl „Kontrolle“ als auch die dargestellte Dichotomie der Vereinfachung geschuldet ist.
Was ich mich zu dem Denkansatz frage: 1) wie kommt man dazu zu erkennen, was ich beeinflussen kann und was nicht und 2) wie kann daraus ein Fortschritt entstehen (wenn ich nur das beeinflussen kann, was ich kontrolliere, wie kommt dann Weiterentwicklung zustande oder anders gesagt: wo ist das Feedback zur und aus der Welt)?“

offene Zukünfte JantjeJantje

„Mit Kontrolle habe ich mich bisher wenig beschäftig. Mich interessiert die Frage, wie lernen wir mit Unsicherheit „gut“ umzugehen, im Sinne von, dass es uns und unsere Gesellschaft (unseren Einflussbereich) in eine positive Richtung bringt. Ist der Umgang mit Unsicherheit eine Zukunftskompetenz? Und wenn ja, wie erlernen wir diese Kompetenz. Laut Rieken ist ein soziales Netzwerk und das sprechen über Ängste ein entschiedener Faktor zum Aufbau von Krisen-Resilienz – doch durch die Quarantäne leidet der soziale Austausch.
Ein zweiter Faktor ist die Hinführung zu Lösungsmöglichkeiten (Fröhlich). Wo kann ich was tun – ich denke auch hier geht es um die Rückgewinnung von Kontrolle, das müsste ich aber nochmal nachlesen. Hier sehe ich das Prinzip der offenen Zukünfte, das mir die Möglichkeit gibt, meine eigenen mentalen Modelle zu verlassen und mich nach anderen Möglichkeiten, die ich bisher nicht bedacht habe, als Beitrag der Zukunftsforschung.“

offene Zukünfte JonasJonas

„@Katja zu deinen beiden Punkten habe ich heute einen Text meines Masterarbeits-Betreuers Dr. Bruno Gransche gelesen, der schrieb zu 1. “Die Modalsphären gliedern sich in drei große Bereiche: erstens den Bereich des Notwendigen, also all jener Phänomene, die sind und zwar zwingend so wie sie sind, die also nicht anders sein können; zweitens den Bereich des Möglichen, also all jener Phänomene, die sein, nicht sein oder anders sein können; drittens den Bereich des Unmöglichen, also all jener Phänomene, die nicht sind und nicht sein können. Dabei ist der Bereich des Möglichen nochmals unterteilbar in die Bereiche des bloß hypothetisch oder potenziell Möglichen (Möglich-Möglichen) und des realisierbar Möglichen (Real-Möglichen). Das Realmögliche ist der Bereich jener Phänomene auf deren Realisierung unser Handeln zielt – beispielsweise die eigenhändige Zubereitung eines Abendessens, die entsprechenden Mittel als vorhanden vorausgesetzt. Das Möglich-Mögliche ist der Bereich jener (nicht wirklichen und nicht-unmöglichen) Phänomene, auf deren Ermöglichung unser Handeln zielt, also primär technisches inventives Handeln – beispielsweise die Zubereitung eines Essens durch einen Replikator (sensu Star Trek), wofür die Entwicklung der entsprechen-den Mittel eine ermöglichende Bedingung und Ziel inventiven Handelns darstellt.”
und zu 2. “Handeln – und Gestalten ist Teil dieser Kategorie – betrifft als Realisierungsversuch wirklicher Zwecke und als modale Beeinflussung immer auch die Zukünfte, die Optionen, die Struktur des Möglichen Anderer. Mit Blick auf die ‚Zukunftsgestaltung’ besteht die Aufgabe darin, nicht nur den eigenen Möglichkeitsraum entsprechend verantwortungsvoll zu nutzen (d. h. wirkliche Zwecke zu realisieren, inklusive der Beeinflussung der Handlungen Anderer), sondern v.a. darin, den eigenen Möglichkeitsraum entsprechend verantwortungsvoll auszurichten, zu strukturieren (d. h. nicht i.e.S. zu gestalten, aber doch i.w.S. intentional auszurichten). Es heißt eben auch, die möglichkeitsraumstrukturierenden Wirkungen auf die Optionen Anderer et vice versa entsprechend in der Handlungsorientierung mit zu berücksichtigen.”
Wie resoniert das bei dir?“

offene Zukünfte JonasJonas

„@Jantje darf ich da persönlich nachfragen: Welche Unsicherheiten spürst du denn gerade und wie gehst du – entsprechend deiner genannten Ansätze – damit um?“

offene Zukünfte JantjeJantje

„Also ganz persönlich: mein Mann ist ja freiberuflicher Veranstaltungstechniker und lebt von großen Menschenansammlungen, er ist also gerade praktisch arbeitslos. Zudem bin ich befristet angestellt und noch in Probezeit. Das hat gerade in der ersten Woche Quarantäne für Unsicherheiten gesorgt. Mittlerweile bin ich aber dazu übergegangen nach dem Potenzial der Krise zu fragen (da bin ich aber erst am Anfang: Wünschenswerte Zukünfte nach Corona wäre da ein Stichwort für einen weiteren Anstoß hier). Tatsächlich haben wir am Sonntag einen kleinen Workshop für uns zu zweit gemacht, wie wir gerade mit der Situation umgehen wollen – Unsicherheiten, Wünsche, Möglichkeiten. Ansonsten ist der Umgang mit Unsicherheiten im eigenen Umfeld und in den Medien ja ganz schön zu beobachten, auf die mein erster Post eher gezielt hat“

offene Zukünfte Johannes W.Johannes W.

„Folgende Punkte kreisen mir hier durch den Kopf:
1) Die egozentristische Sicht der dargestellten Grafik
2) Stichwort Kontrolle und Unsicherheit: Beherrschte und herrschende Zukunft (Jouvenel)
3) Unsicherheit und Selbstwirksamkeit
zu 1)
Schaue ich mir die Grafik genauer an, finde ich es sehr interessant, was dort als nicht oder kontrollierbar abgebildet wird. Warum kann ich nicht kontrollieren, wie andere reagieren. Ich kann mich mit Freunden und Familie austauschen und sie besänftigen, beruhigen, zur Vernunft auffordern. Auch mit Passanten:innen oder Mitarbeiter:innen kann ich reden oder für sie da sein. Kurz gesagt, ich finde hier wird ein sehr individualistisches und eingeschränktes Bild von Kontrollmöglichkeiten (und umgekehrt Gestaltungsmöglichkeiten) aufgebaut. Solidarität und gesellschaftliches Miteinander sowie Zivilcourage werden m.E. völlig vergessen. (Klar, es ist eine künstlerisch-illustratorische Interpretation, eine von vielen, trotzdem fehlt mir hier etwas wichtiges)
zu 2)
Mich erinnern das Thema und die Beiträge von Euch darunter an etwas, was ich bei Bertrand de Jouvenel in ‚Die Kunst der Vorausschau‘ von 1967 gelesen habe.
Hier zeichnet er, ähnlich wie Gransche, Wirkungs-, Kontroll- und Gestaltungsbereiche vor dem Hintergrund von Unsicherheit auf. Er nennt es beherrschte und herrschende Zukunft. Die beherrschte kann ich kontrollieren. Wie zum Teil mein Kaufverhalten. Zur herrschenden Zukunft gehört all jenes, was ich nicht beherrschen kann. Ich habe aktuell zum Beispiel kaum eine Möglichkeit, bei Entscheidungen mitzubestimmen, die auf EU- oder transnationaler Ebene stattfinden, obwohl oder gerade weil es eine Pandemie ist.
zu 3)
Wie ich es interpretiere, finden sich innerhalb der Sphäre der Notwendigkeit (oder auch Bedingungen) erstmal nur natürliche Bedingungen und Gesetze (z. B. planetare Grenzen, maximal herrstellbare Menge an Nahrungsmitteln etc..) Damit fänden sich in der Sphäre des Möglichen letztlich nur noch sozio-kulturelle Glaubenssätze (maximal eingerahmt von natürlichen Bedingungen, siehe Anfang). Genau hier wird für mich dann wieder Kontrolle interessant – Kontrolle, Beteiligungsmöglichkeit und letztlich Gestaltungsmöglichkeit.
Wenn ich die Grafik als Ausgangspunkt nehme und mir die aktuelle Situation ansehe bzgl. der Hilfsprogramme, habe ich zum Beispiel folgenden Gedanken: Bleibe ich im Bereich des Realmöglichen, muss ich darauf hoffen (herrschende Zukunft), dass ich Hilfe erhalte. Kann mich also nur in eine reagierende Position begeben (siehe auch die Optionen in der Grafik). Das heißt womöglich einfach weitermachen, wie gehabt: HomeOffice, vielleicht etwas Toilettenpapier hamstern (mensch weiß ja nicht, was kommt) und abwarten. Begebe ich mich gedanklich in den Bereich des Hypothetischen, stelle ich möglicherweise Bemühungen an, Bedingungen zu ermöglichen (herrschende/beherrschte Zukunft), die Möglichkeitsräume schaffen (evtl. brauche ich hierfür Kompetenzen. Politische oder andere.)
Interessanter Gedanke vielleicht: Initial bleibt die Unsicherheit (der Situation; in der Welt) ja erstmal gleich. Aber das Gefühl meiner Selbstwirksamkeit würde vermutlich steigen, weil ich etwas tue, etwas versuche. Von kollektiven Bemühungen ganz abgesehen.“

offene Zukünfte KatjaKatja

„@Jonas Drechsel Danke für den Text – trifft den Kern meiner Fragen. :+1::hautton-2: Ich muss darüber noch ein bisschen nachdenken, dann kann ich mehr schreiben. Das erste, was ich gedacht habe, war: ich will auch so ein T-Shirt wie @Johannes Kleske hat mit „unknown unknowns“. 😉😁“

offene Zukünfte KatjaKatja

„@Jonas Drechsel Ich verstehe im Text noch nicht ganz, warum das Möglich-Mögliche durch technisch incentives Handeln erfolgt (oder erfolgen soll). Muss ich Technik (im Sinne von Maschinen) einsetzen, um das Möglich-Mögliche zu einem Realmöglichen zu machen? Und zu 2. Ist das nicht ein Widerspruch zu „ich kann andere nicht kontrollieren/beeinflussen, also lasse ich es“? Egal, ob das als „Gestaltung“ oder als „intentional ausrichten“ formuliert ist. Denn wenn ich etwas nicht beeinflussen kann, dann lasse ich es. Aber wenn ich mich intentional ausrichte, dann wäre m.M. Beeinflussung (Kontrolle?) (theoretisch) möglich, also muss ich doch etwas tun. Ist mir nicht eingängig.“

offene Zukünfte KatjaKatja

„Ich sehe auch immer noch den Punkt, dass das potenziell Mögliche so zusammen gedrängt wird (z.B. durch äußere nicht-beeinflussbare Situationen), dass man de facto nichts ins Handeln kommen kann = Starre und Stillstand. Wie seht ihr das?“

offene Zukünfte JonasJonas

„@Johannes Wirz ich finde es spannend, dass du etwas, was ich als Selbstfürsorge kennzeichnen würde, als Egoismus bezeichnest. Ich halte es nicht für egoistisch auf sich zu achten, zu erforschen, was ich brauche und was mir wichtig ist. Ganz im Gegenteil ist das besonders wichtig, um in den Austausch mit anderen zu gehen. Denke da liegen wir nicht weit auseinander – habe mich nur an der weniger wertschätzenden Annäherung deinerseits etwas gerieben.
Wenn ich also beispielsweise gerade meine Ernährung umstelle, dann kann das zukünftig im Sinne des Butterfly-Effects gravierende Auswirkungen haben 😉“

offene Zukünfte JohannesJohannes K.

Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung, die von dem morgigen Tag abhängig macht. Mit dem, was in der Hand des Zufalls ist., macht man Pläne; darüber lässt man fahren, was man in der Hand hat, und verliert das Heute. Wohin blickst du? Wonach strebst du: Alles, was in der Zukunft liegt, ist ungewiß: lebe in der Gegenwart!
– Seneca“

offene Zukünfte JohannesJohannes K.

„Ich führe mal Jonas und Joe zusammen. Was in der Silicon-Valley-/Popkultur-Version des Stoizismus gerne unterschlagen wird, ist, dass die Stoiker bis auf die höchste Ebene politisch engagiert waren. D.h. sie haben in keiner Weise einen egoistischen Rückzug aus der Welt propagiert. Vielmehr hatten sie eine Verachtung gegenüber Emotionen, die sie von einem tugendhaften Leben abhielten. Und zu diesem wiederum gehörte die Fürsorgen für die eigene Familie und die Gesellschaft um einen herum. D.h. das emotionale Lösen von den Dingen, die man nicht kontrollieren kann, ermöglicht für sie erst das Engagement für eine bessere Gesellschaft. (So zumindest nach meiner Interpretation.)“

offene Zukünfte JohannesJohannes K.

„Lesetipp: Stoische Philosophie von Anna Schriefl“

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